Kirche im SWR: Gnade und Frieden

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Auszug:

„Frohes neues Jahr“ oder einfach nur „ein gutes neues“ – das habe ich in diesen ersten Januartagen häufig gehört, wenn ich andere getroffen habe. „Gnade und Friede“ hingegen hat mir niemand gewünscht. Aber genau das tut der Apostel Paulus zu Beginn fast all seiner Briefe. Er wünscht seinen Leserinnen und Lesern: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ (1 Kor 1,3) Heute ist einer dieser Briefanfänge in katholischen Gottesdiensten zu hören.

Gnade und Frieden – das sind zwei große Wünsche, die es in sich haben. Es lohnt sich, die beiden einmal genauer anzuschauen.

Wenn Paulus von Gnade spricht, dann meint er damit, dass Gott sich dem Menschen zuwendet, ihn annimmt, versteht und sogar liebt. Mit all seinen Gedanken, seinen Gefühlen, mit der ganzen Person. So wie wenn Gott sagen würde: „So wie Du bist, bist Du recht. Du musst kein anderer Mensch werden.“ Die Gnade, so stelle ich mir vor, ist dann wie ein Mantel, der sich um die Schultern legt und das, was kalt in mir ist, wärmt. Oder wie Wasser, das an die tiefsten, die innersten Stellen fließt und sie ganz ausfüllt. Die Zweifel, die an mir nagen und sagen: „du bist nicht genug“, haben dann keinen Platz mehr. Und – zumindest für einen Moment – kann ich bis in die letzte Faser meines Körpers glauben: es ist alles gut.

Und hier schließt sich der zweite Wunsch an: der um Frieden.
Dieser Wunsch wird bei uns leider wohl nie ganz in Erfüllung gehen. Frieden ist zerbrechlich. Es gibt so viele Menschen, die einander Gewalt und Leid zufügen. Das einzige, was da bleibt ist, dass sich Menschen nach Frieden sehnen. Und es ist gut, diese Sehnsucht wach zu halten.

Wenn Paulus in seinen Briefen den Menschen Frieden wünscht, geht es aber noch um etwas anderes: nämlich um den Frieden, der das ganze Herz erfüllt. Der mich innerlich vollkommen zufrieden sein lässt: mit mir, meinem Leben, mit dem, was ist. So einen inneren Frieden kann ich nicht auf Knopfdruck herstellen. Den kann nur Gott mir schenken. Aber vielleicht kann ich Gott den Weg dafür ein wenig freiräumen, indem ich z.B. versuche zu lernen, dass manches im Leben eben so gelaufen ist, wie es ist. Die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern. Oder wenn ich mich weniger mit anderen vergleiche. Das macht sicherlich zufriedener.

„Gnade sei mit Euch und Friede von Gott.“ Ich höre diese alte Briefzeile von Paulus gern. Und ich finde, es sind gute Wünsche – nicht nur am Jahresanfang. Sondern eigentlich für jeden Tag.

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